Berufliche Zukunft neu denken
04.08.2026
Stellvertretend für die nächste Psychotherapeuten-Generation berichten zwei PiA der APP KÖLN, wie sie nach den jüngsten politischen Entscheidungen planen.
Honorarkürzungen, Budgetierung, Reglementierung – die jüngsten Beschlüsse der Bundesregierung treffen den psychotherapeutischen Bereich hart. Die Verunsicherung ist groß – gerade bei den künftigen Berufseinsteigern. Sie sind mit viel Enthusiasmus in Studium und Ausbildung gestartet und sehen sich nun gezwungen, ihre Zukunft neu zu denken.
„Die Entwicklung ist beängstigend. Die Kassensitze haben in kürzester Zeit ihren Wert verloren. Sie waren mal eine sichere Einnahmequelle“, sagt Lukas Schwemin. Er hat im vergangenen Jahr seine Ausbildung an der APP KÖLN begonnen. Nach der Approbation ist nach wie vor die eigene Praxis sein Ziel – allerdings nur für PrivatpatientInnen und Selbstzahler. „Das Risiko, mit Anfang 30 einen Kredit über 100 000 Euro für einen Kassensitz aufzunehmen, ist mir zu hoch. Unter den aktuellen Voraussetzungen sehe ich für mich keine verlässliche Grundlage zu einer Refinanzierung.“
Große Untersicherheit
Marco Schichtel hingegen möchte die ambulante Versorgung von KassenpatientInnen nicht ganz aus seiner Berufsplanung streichen. Die neuen Rahmenbedingungen bedeuteten für ihn allerdings, dass er sich breiter aufstellen muss. „Konkret werde ich mich nach weiteren Tätigkeitsfeldern umschauen und entsprechende Zusatzqualifikationen erwerben. Ich muss flexibler sein für den Fall, dass die Psychotherapie mein Einkommen nicht mehr sichert.“ Die Prüfungen zum Abschluss seiner Ausbildung an der APP KÖLN möchte er im Frühjahr 2028 ablegen.
Bis zur Approbation haben die beiden Psychotherapeuten in Ausbildung zehn Jahre Zeit und erhebliche Kosten in ihren eigenen Bildungsweg investiert. Eine Wertschätzung dafür können sie in den jüngsten politischen Signalen nicht erkennen. „Diese Entscheidungen der Regierung stellen die Sinnhaftigkeit eines gesamten Berufsstandes in Frage und das macht mich sehr wütend. In unseren Selbsterfahrungsgruppen ist das ein großes Thema. Unter diesen Voraussetzungen kann ich jungen Menschen derzeit nicht ohne Weiteres dazu raten, Psychologie zu studieren“, betont Marco Schichtel. „Die Geschwindigkeit, mit der das alles durchgezogen wurde, ist erschreckend. Für mich fühlt sich das nach Schikane an“, ergänzt Lukas Schwemin.
Mehr Weitblick
Beide wünschen sich von den Verantwortlichen auf politischer Ebene, dass sie bei ihren Entscheidungen auf mehr als nur die nackten Zahlen schauen. „Studien belegen eindeutig, dass jeder Euro, der in die ambulante Psychotherapie fließt, drei bis vier Euro Wirtschaftsleistung erbringt. Denn sie sorgt dafür, dass Menschen wieder arbeitsfähig werden oder bleiben“, betont Lukas Schwemin. Psychische Erkrankungen seien einer der häufigsten Gründe für Arbeitslosigkeit und damit einer Belastung der Sozialsysteme. „Die Argumente sind klar auf unserer Seite, doch sie verhallen ungehört. Denn die Ergebnisse unserer Behandlungen sind erst nach einiger Zeit sichtbar“, ergänzt Marco Schichtel. Er hat Verständnis für Sparmaßnahmen, doch sollten vor einer Entscheidung Experten zumindest zu Wort kommen dürfen.
„Für mich geht die Rechnung nicht auf und wie sie die Probleme der Gesetzlichen Krankenversicherungen lösen soll, erschließt sich mir auch nicht“, sagt Lukas Schwemin. Er ist dennoch zuversichtlich, dass er eine berufliche Zukunft erfolgreich gestalten kann. „Der Therapiebedarf bleibt hoch. Die Behandlung bekommen allerdings vornehmlich diejenigen, die es sich leisten können.“ Für Marco Schichtel eine düstere Perspektive. „Wir haben uns für diesen Beruf entschieden, um Menschen zu helfen – unabhängig von ihrem Einkommen.“