„Es geht um den Dialog – nicht um Verzeihen“

10.09.2026

Bei der Auseinandersetzung mit Gefühlserbschaften hat Dr. Bernd Sonntag gute Erfahrungen mit dem Austausch von Täter- und Opfernachkommen gemacht.

Die transgenerationale Weitergabe traumatischer Erfahrungen beschäftigt Dr. Bernd Sonntag professionell und persönlich. Der Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie, langjähriger leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Köln sowie Lehrbeauftragter und Autor engagiert sich seit Jahrzehnten dafür, der Sprachlosigkeit Worte zu verleihen. Er hat den Folgen des großen Schweigens in Täter- und Opferfamilien therapeutisch nachgespürt und als Gründungsmitglied des Arbeitskreises für intergenerationelle Folgen des Holocaust (PAKH) die Nachkommen miteinander ins Gespräch gebracht. Er sieht im Dialog auch die Chance, der gesellschaftlichen Spaltung entgegen zu wirken. Über seine Erkenntnisse und Erfahrungen spricht er am 28. November in einem APP-Vortrag in Köln. Vorab hat er uns auf seinem fachlichen Weg ein Stück mitgenommen.

Was hat Sie persönlich dazu bewogen, sich so intensiv mit der transgenerationalen Weitergabe traumatisierender Erfahrungen zu beschäftigen?

Dr. Bernd Sonntag: Das ist inzwischen mehr als 30 Jahre her. Auslöser waren damals sowohl die Begegnungen und Geschichten von Freunden jüdischen Glaubens als auch das Erleben und die Gefühlswelt meiner Eltern, die ich sehr lange nicht verstanden habe. Mein Vater hatte beispielsweise Zeit seines Lebens ein tiefes Misstrauen jeglicher Form von Vereinen oder Organisationen gegenüber. Er hat sich da nie irgendwo engagiert. Der Hintergrund war, dass er sich vom schönen Schein in der Hitlerjugend im Nachhinein so betrogen gefühlt hat, dass er später vor allem, was in diese Richtung ging, zurückgeschreckt ist. Die professionelle Beschäftigung mit dem Thema und die Gründung des Vereins PAKH hat vieles in Bewegung gebracht und viele Fragen für mich geklärt. In der psychotherapeutischen Behandlung ist die Mehrgenerationenperspektive ebenfalls ein zentraler Aspekt. Erst der der transgenerationale Kontext macht für die Betroffenen unerklärliche Gefühle von Schuld oder Trauer nachvollziehbar.

Welche Rolle spielt speziell in diesem Zusammenhang die Sprachlosigkeit in den Familien?

Dr. Sonntag: Das Unausgesprochene spielt eine zentrale Rolle – sowohl in den Familien der Täter als auch der Opfer. Das Schweigen war auf beiden Seiten das Gleiche. Häufig wollten die Eltern ihre Kinder schützen und nicht unnötig belasten. Die erste Nachkriegsgeneration hat in diesen Situationen einmal oder zweimal nachgefragt und dann nicht mehr, weil die Tabuisierung so groß war. In vielen Fällen hat erst die zweite oder dritte Generation den Mut gehabt, die richtigen Fragen zu stellen.

Worin liegen nach Ihren Erfahrungen die wesentlichen Unterschiede zwischen Täter- und Opferfamilien?

Dr. Sonntag: In den Opferfamilien stehen persönliches Leid und die Trauer um Vertreibung und ermordete Angehörige im Mittelpunkt. Dazu kommt bei den Nachkommen vielfach ein tief empfundenes Unrechtsgefühl. In den Täterfamilien haben sich die Täter selbst vielfach nicht schuldig bekannt. Das Gefühl von Schuld taucht dann in der zweiten oder dritten Generation erst auf, wo es eigentlich nicht hingehört. Dazu kommt für die Nachkommen der kaum zu überbrückende Zwiespalt zwischen den monströsen Taten und der Erinnerung an eine auch liebevolle Mutter oder einen verständnisvollen Vater.

Welche speziellen Muster sind Ihnen in der therapeutischen Begleitung von Menschen aus Nachkriegsgenerationen immer wieder begegnet?

Dr. Sonntag: Es sind weniger konkrete Muster als vielmehr diffuse Symptome von Leere, Trauer, Depressivität und ein Fremdheitsempfinden der eigenen Gefühlswelt gegenüber. Das alles können Hinweise darauf sein, dass diese Gefühle im Sinne eines Introjektes nicht zu der Person selbst gehören, sondern von einer Generation davor übernommen wurden. Im therapeutischen Prozess ist es möglich, sie als fremd zu erkennen und zurückzuweisen.

Inwiefern ist der Holocaust nach Ihren Erkenntnissen auch in diesem Kontext singulär zu betrachten oder welche dieser Beobachtungen lassen sich möglicherweise generalisieren?

Dr. Sonntag: Der Holocaust ist in seiner historischen Dimension und seinen Auswirkungen zweifellos singulär. Über die internationalen Verbindungen der PAKH und den Austausch beispielsweise mit Kontakten in Südafrika, ist deutlich geworden, dass die Folgen des Apartheit-Regimes in den Nachfolgegenerationen ebenfalls noch spürbar sind. Es gab dort großes Interesse an unseren Dialoggruppen mit Nachkommen von Tätern und Opfern. Wenn wir an die Schicksale der Armenier in der Türkei oder der Sklaverei in den USA denken, dann sind viele solcher traumatischen Erfahrungen bis heute weder politisch noch persönlich aufgearbeitet.

Warum ist es Ihnen – auch mit Blick auf Ihren Vortrag im November – im Zuge einer solchen Aufarbeitung wichtig, die Perspektive beider Seiten einzubeziehen?

Dr. Sonntag: Es geht bei den Nachfahren von Tätern und Opfern nicht um Versöhnen oder Verzeihen. Da sie nicht persönlich beteiligt und betroffen waren, ist das auch gar nicht möglich. Entscheidend ist der Dialog, damit so etwas nicht wieder passiert. Für die zweite Generation war es häufig noch sehr schwierig, diesen Dialog zu führen. Bei den jüngeren Nachkommen ist das Bedürfnis deutlich größer, ihre Familiengeschichte zu erzählen. Dabei ist klar, dass sich nichts rückgängig machen lässt, doch in den entsprechenden Dialoggruppen des PAKH lassen sich Gefühle wie Wut oder Trauer in angemessener Dosierung und Atmosphäre ausdrücken.

Inwiefern sehen Sie in dieser Zusammenführung verschiedener Perspektiven auch eine gesamtgesellschaftliche Relevanz auf dem Weg zu mehr Dialog und Verständnis?

Dr. Sonntag: Eine Relevanz sehe ich da in jedem Fall. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit kleinen Gruppen von zehn bis 15 Personen gemacht. In diesem Rahmen muss sich niemand präsentieren und es gibt keinen Grund, die Reaktionen der anderen zu fürchten. Das Modell ließe sich vermutlich auch auf andere gesellschaftliche Gruppen übertragen. Wie sich die erreichen lassen, die scheinbar nicht mehr erreichbar sind – das ist eher eine politische und keine therapeutische Frage.

Vortrag:

Unverarbeitete Gefühlserbschaften bei Nachkommen von Tätern und Opfern des Holocaust und die Auswirkungen auf die psychotherapeutische Arbeit”

Samstag, 28. November, 11 bis 14.30 Uhr

„die wohngemeinschaft“ Richard-Wagner-Straße 39, 50674 Köln & Zoom

Fortbildungspunkte werden beantragt.

Die Teilnehmerzahl vor Ort ist begrenzt, die Anmeldung ab sofort möglich.