„Das Schicksal meiner Großeltern ist ungeklärt“
19.10.2026
Als Sohn von Holocaust-Überlebenden musste Dr. Peter Pogany-Wnendt sich zunächst seinen eigenen Gefühlserbschaften stellen, um anschließend seine Patientinnen und Patienten professionell begleiten zu können.
Empathie für die Nachkommen der Täter aufzubringen, war für Dr. Peter Pogany-Wnendt ein sehr langer Weg. Der Facharzt für psychotherapeutische Medizin und Psychiatrie, Vorstandsmitglied des Arbeitskreises für intergenerationelle Folgen des Holocaust (PAKH) und Autor hat die transgenerationale Weitergabe von Gefühlserbschaften selbst erlebt. Im Gespräch gibt er Einblicke in diesen persönlichen Prozess. Seine fachlichen Erkenntnisse teilt er in einem APP-Vortrag am 28. November in Köln.
Wie haben Sie als Sohn von Überlebenden des Holocaust den Umgang mit dem Thema in der eigenen Familie erfahren?
Mit der Verfolgungsgeschichte meiner Eltern bin ich aufgewachsen. Mein Vater ist 1944 mit 18 Jahren in ein Arbeitslager in Serbien gekommen. Nach seiner Befreiung durch Partisanen kehrte er nach Budapest zurück, doch seine Eltern waren inzwischen von den Nationalsozialisten ermordet worden. Was genau mit Ihnen geschehen ist, hat er nie erfahren. Meine Mutter hat nur überlebt, weil ihr Vater vor der Deportation mit seinen Kindern aufs Land geflohen ist und sich dort versteckt hat. Als Kind waren diese Erzählungen für mich die Erklärung für die Ängste meiner Mutter und das traurige Gesicht meines Vaters. Dahinter gab es jedoch viel Schweigen über die Einzelheiten. Was sie genau erlebt haben, habe ich nie erfahren. Als ich alt genug war, die richtigen Fragen zu stellen, waren beide nicht mehr da.
Warum war es für Sie wichtig, sich auch aus fachlich-therapeutischer Perspektive mit den Folgen dieser traumatischen Erfahrungen zu beschäftigen?
Die Auseinandersetzung damit begann vermeintlich zufällig. Während meiner Ausbildung sprach mich mein damaliger Oberarzt, Dr. Bernd Sonntag an, ob ich nicht bei der Vereinsgründung des PAKH mitwirken wolle. Im Austausch mit der Gruppe ist für mich immer deutlicher geworden, dass da etwas in mir ist, über das ich nicht sprechen konnte. Dem wollte ich auf den Grund gehen.
Wie tief sind Sie dabei auch in Ihre eigene Familienhistorie eingetaucht?
Vieles ist offen geblieben. Über das Schicksal meiner Großeltern habe auch ich nie etwas in Erfahrung bringen können. Ihre Namen finden sich auf einer Gedenktafel für die ermordeten Juden auf dem jüdischen Friedhof in Budapest. Das ist alles. Über die Fluchterlebnisse meiner Mutter konnte mir meine Tante etwas erzählen, die ich 2008 in Brasilien getroffen habe. Mehr werde ich vermutlich nie erfahren.
Wie ist es Ihnen gelungen, sich für die fachliche Auseinandersetzung aus der Perspektive des Betroffenen zu lösen, um aus der Beobachter-Position wiederkehrende Muster und Mechanismen erkennen zu können?
Die Arbeit in der PAKH und die vielen Stunden Dialog waren eine enorme Unterstützung. Sie haben mir geholfen, mir meine eigenen Gefühlserbschaften bewusst zu machen und mich selbst besser zu verstehen. Als ich die Stolpersteine für meine Großeltern vor meinem Geburtshaus in Budapest habe verlegen lassen, habe ich zum ersten Mal gespürt, dass ich neben dem Schmerz meines Vaters auch einen eigenen in mir trage. Denn auch ich habe meine Großeltern verloren. Das war eine befreiende Erkenntnis und hat mir geholfen, das Gefühl der Verantwortung für das Leid meines Vaters schrittweise abzugeben.
Wie weit war für Sie der Weg, sich auch der Situation in den Täterfamilien zu nähern, die Sie in Ihrem Vortrag im November ausdrücklich miteinbeziehen?
Sehr weit. Lange habe ich geglaubt, meine Eltern zu verraten, wenn ich Mitgefühl für die Nachkommen der Täter aufbringe. Ein entscheidender Wendepunkt war eine Gruppensupervision, in der eine Kollegin von ihrem Vater berichtete. Er war als hoher SS-Mann für rund 300.000 Tote verantwortlich und sie erzählte sehr liebevoll davon, wie er an den Wochenenden mit ihr gespielt habe. Ich merkte, wie ich Rot sah, als sie so über einen Täter sprach. Als ich meiner Wut Luft machte, erwartete ich die volle Solidarität der gesamten Gruppe. Doch das Gegenteil war der Fall. Meine damals 16-jährige Tochter brachte es auf den Punkt und entgegnete mir, ich könne doch einer Tochter nicht verbieten, ihren Vater zu lieben.
Welche Erkenntnisse hat die Auseinandersetzung mit der Täterperspektive auch für Sie persönlich gebracht?
Die wichtigste Erkenntnis war, dass die Täterkinder auch ein schweres Erbe tragen. Das hat mich sehr viel Überwindung gekostet und ist auch nur im gemeinsamen Dialog gelungen. Ohne mich direkt mit der anderen Seite auseinander zu setzen und dabei auch selbst in Frage gestellt zu werden, hätte ich niemals erkennen können, wie sehr die Bindung an meine Eltern auch meine Sichtweise eingeschränkt hat. Mich davon zu lösen, war sehr schwierig.
Warum ist es aus Ihrer Erfahrung auch gesamtgesellschaftlich wichtig, aus der Betroffenheitsperspektive ein Stück weit hinauszutreten und sich für die Position des Gegenübers zu öffnen?
Das ist sehr wichtig. Die Starrheit der Positionen nehme ich in aktuellen gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen als das eigentliche Problem wahr. In der Hinwendung zu rechtsextremen Parteien erkenne ich auch ein gewisses Abwehrverhalten. Viele sind sich ihrer negativen Gefühlserbschaften nicht bewusst und auch Ideologien werden unterschwellig weitergegeben. Beim Thema Erinnerungskultur ist Deutschland zwar weiter als viele andere Nationen, doch sie ist mehr eine politische Leitlinie und weniger in den Familiengeschichten verankert. Wir können nur ein Bewusstsein für das transgenerationale Erbe schaffen und die Kräfte stärken, die sich dem Rechtsextremismus entgegen stellen.
Vortrag:
Unverarbeitete Gefühlserbschaften bei Nachkommen von Tätern und Opfern des Holocaust und die Auswirkungen auf die psychotherapeutische Arbeit”
Samstag, 28. November, 11 bis 14.30 Uhr
„die wohngemeinschaft“ Richard-Wagner-Straße 39, 50674 Köln & Zoom
Fortbildungspunkte: 4
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